Interview mit Wolfsgrimm Records (September 2022)

Das Schwarze Flamme-Team hat wieder seine Fühler ausgestreckt und möchte euch diesmal sehr gern das Label “Wolfsgrimm Records” vorstellen. Ein schon seit fast 20 Jahren bestehendes Underground-Label, welches bereits z.B. durch Releases von “Uprising” und “ColdWorld” auf sich aufmerksam gemacht hat. Nebenbei ist der Gründer und Betreiber Gerald noch Teil des “Hartschnack-Podcasts” und der “Kältetod Legion”. Klingt nach einer interessanten Mischung oder?

Viator:
Was verbindet dich mit der Black Metal Musik/Szene und was macht deiner Meinung nach vor allem den Underground für dich so interessant?
Gerald:
Ich bin jetzt seit einem knappen Vierteljahundert in der Metal Szene unterwegs und habe mich dabei, wie es wahrscheinlich bei vielen der Fall war, von eher breitentauglicherem Stoff irgendwann immer stärker in den Untergrund gewühlt, wobei letztendlich Black Metal die für mich favorisierte Definition extremer Musik bleiben sollte. Was nun speziell den Underground angeht, definiert sich dieser aus meiner Sicht durch Authentiztät, Unabhängigkeit und Direktheit. Du bist niemandem Rechenschaft schuldig, musst aber auch für jeden Fehler selbst gerade stehen . Und wenn du versuchst die Leute abzuziehen oder dich aufzuspielen, dann ist dein guter Ruf das erste, was weg ist...und ohne den geht nicht, speziell da, wo bspw. in geschäftlicher Hinsicht das meiste per Handschlag und nach dem Ehrenprinzip läuft.
Viator:
Wann hast du das Wolfsgrimm Records gegründet und warum bist du diesen Schritt gegangen? Betreibst du hierbei alles alleine? 
Gerald:
Ich habe Wolfsgrimm im Herbst 2004 aus dem einfachen Antrieb heraus gegründet selbst an der Szene mitwirken zu wollen. Denn ich bin kein Musiker, verstehe nichts von Tontechnik oder Grafik-/Layoutarbeiten, viel blieb da also nicht übrig. Und ich bin ein Freund physischer Tonträger, auch wenn sich damals also bereits abzuzeichnen begann, wohin die Reise im Zuge der Digitalisierung gehen würde, wollte ich dennoch bei den Medien bleiben, mit denen auch ich aufgewachsen bin, sicher auch aus einem gewissen Konservierungs- und Traditionsgedanken heraus.
Viator:
Wie gestaltete sich die Anfangszeit? Was waren deine ersten Schritte und was waren die größten Herausforderungen? 
Gerald:
Meine Anfänge gestalteten sich im Grunde so einfach, wie sie nur hätten sein können: Demos auf selbstkopierten und handbeschrifteten Tapes, versehen mit kopierten Einlegern, für die ich dann versuchte die passenden Interessenten zu finden, in der Regel mehr als schlecht als recht, haha! Auf diese Weise ließen sich aber erste Kontakte knüpfen, die teilweise bis heute Bestand haben, und es mir in der Folge u.a. ermöglichten auch mal größere Projekte anzufassen. Bis heute ist dabei aber sicherlich, neben wirtschaftlichen Belangen, eine der größten Herausforderungen geblieben, sich nach Fehlschlägen zu berappeln und weiterzumachen...denn machen wir uns nichts vor, geht die Meinung über die Qualitäten einer Veröffentlichung bei deiner potentiellen Kundschaft und dir zu weit auseinander, dann kann so ein Label schon mal ein ziemlich teures Hobby sein.
Viator:
Wie kommt es überhaupt zu einer Zusammenarbeit zwischen dir und den Bands? Wer geht hier auf wen zu? Was muss eine Band mit sich bringen, dass du mit ihr arbeitest?
Gerald:
Hier gibt es im Grunde keine festgelegte Vorgehensweise, manchmal finde ich die Bands, manchmal finden sie mich, die angenehme Aufregung, wenn man meint ein wirkliches Kleinod entdeckt zu haben, ist aber immer die selbe. Tja, und was muss eine Band mitbringen...das ist eine gute Frage! Sie muss halt etwas Besonderes haben, etwas, das den Hörer da draußen, aber auch mich denken lassen muss "Jawoll, das sind die und nur die". Denn es ist doch so, echte Unverwechselbarkeit, oder zumindest der Versuch an selbiger, ist doch das, was jeder von uns wohl am ehesten sucht, wenn er in diesem Meer an gesichtslosen Neuveröffentlichungen täglich abzusaufen droht.
Viator:
Welche Aufgaben übernimmst du für die Bands? 
Gerald:
Ich denke, es war noch nie so einfach wie heute, die eigene Band oder das eigene Projekt zu produzieren und anschließend zu veröffentlichen und ich ermuntere tatsächlich auch jeden Musiker dazu soviel wie möglich in Eigenregie zu realisieren. Es gibt aber eben auch jene Künstler, die einfach nur Künstler sein wollen, die mit Presswerken, Layoutern und Vertriebswegen nichts zu tun haben möchten. Und da komme ich dann ins Spiel und schaue, was gebraucht wird. Manchmal finanziere ich also nur den physischen Tonträger und/oder das Merch, manchmal unterstütze ich auch beim Layout (nicht selbst, aber mit Hilfe entsprechender Kontakte), oder gebe die Audiokomponente des Ganzen nochmal zu meinem langjährigen Freund ins Irsins Sound Studio, sollte bspw noch ein (Re)Master oder derlei gebraucht werden. Und dazu gesellen sich dann natürlich noch Promoarbeiten, sowie der Vertrieb nach der Veröffentlichung.
Viator:
Wie wird eigentlich entschieden welcher physische Tonträger hergestellt wird? Ist dies allein die Entscheidung der Bands oder hast du hier auch ein Wörtchen mitzureden?
Gerald:
Natürlich habe ich da ein Wörtchen mitzureden, denn wie bereits erwähnt liegen die Kosten für die Pressung des physischen Tonträgers ja in der Regel bei mir. Und so gern ich einer Band auch jeden Wunsch erfüllen würde, muss ich, ob es mir nun passt oder nicht, bis zu einem gewissen Grat auch immer wirtschaftlich denken und im Zuge dessen abschätzen, wie gut sich eine Veröffentlichung in welchem Format verkaufen könnte, bevor ich tatsächlich Geld in die Hand nehme. Denn dieses ist mit Bezahlung des Presswerks erstmal weg und braucht teilweise wirklich lange, bis es in Form von Absatz wieder in meiner Kasse landet. Abzuwägen, welches Album in welchem Format wohl am ehesten seinen Abnehmer findet, gehört also ebenfalls zum Job.
Viator:
Wie ist eigentlich selbst deine Meinung zu Vinylhype, Kassettencomeback, CD und Streaming? Sammelst du selbst auch Tonträger oder hast du dich als Hörer mit dem Komfort des Streamings/Downloads angefreundet?
Gerald:
Ich persönlich nutze digitale Plattformen wie YouTube, Bandcamp oder Spotify vorrangig, um mir einen ersten Eindruck von einer Band/Veröffentlichung zu verschaffen, für alles, was danach kommt, war es mir aber schon immer wichtig den physischen Tonträger zu erwerben. Denn die Arbeit eines Künstlers zu feiern, ihm dafür aber nichts oder nur Cents auf den Euro zurückzugeben, dass hat sich für mich schon immer falsch angefühlt. Darüber hinaus mag ich die Disziplin, die einem speziell analoge Tonträger abverlangen, denn du bist nicht nur dazu angehalten, sie sorgsam zu behandeln, sondern dich auch mit dem Gehörten intensiver auseinanderzusetzen. Und ja, ich würde mich zwar als Sammler bezeichnen, habe mir aber auch vor Jahren schon einen gewissen Mut zur Lücke angewöhnt, denn auch die erwiesenen Könner unseres Bereichs liefern nicht immer nur Erstklassiges ab und dafür, mir die Wohnung mit mittelmäßigem oder dem immergleichen Zeug vollzustellen, fehlt es mir schlicht an Platz, Geld und Nerv.
Viator:
Ein großes Thema ist seit einiger Zeit die Preispolitik bei diesen Tonträgern. Vorallem die Vinyl hat es mittlerweile in sich. Ich selbst spüre dies als Sammler deutlich im Geldbeutel. Wie ist es aus Sicht des Labels? Du hältst deine Preise ja sehr niedrig aber kannst du die hohen Summen von anderen nachvollziehen?
Gerald:
Was die Preissteigerungen bei Vinyl und Tapes angeht, ist für mich schon nachvollziehbar, wie eine gestiegene Nachfrage, die auf Rohstoffknappheit und begrenzte Produktionskapazitäten trifft, im Endeffekt für höhere Preise sorgt. Und zusätzlich haben die großen Spieler der Szene ja auch gesehen, dass man es mit den Kunden machen kann, dass manche einfach jeden Preis für quietschbuntes Vinyl oder Boxsets voll mit dem noch hinterletzten Proberaumfetzen hinlegen, nur für das kleine Gefühl etwas vermeindlich Besonderes zu besitzen...und ich will jetzt auch nicht so tun, als wäre es mir nicht selbst schon so ergegangen. Aber wir kommen aus dieser Spirale m.E. nur heraus, wenn jeder Einzelne von uns sein Kaufverhalten überdenkt. Und es mag jetzt vielleicht komisch klingen, sowas ausgerechnet ein Labelbesitzer zu hören, wie meine Preispolitik aber schon andeutet, war und bin ich nie darauf aus gewesen mit meinen Veröffentlichungen den Reibach zu machen oder mit Wolfsgrimm möglichst groß zu werden. Eine mit ihrer Veröffentlichung zufriedene Band und das Budget um weiterzumachen waren alles, worauf ich stets abgezielt habe. Und wenn das nicht mehr geht, weil die Kosten für Vinyl in der Herstellung irgendwann an meinen Endverkaufspreisen kratzen, dann mache ich halt CDs. Und wenn das nicht mehr funktioniert, ohne von meinen Kunden Wucherpreise zu verlangen, dann sitze ich eben wieder vor meiner heimischen Anlage und kopiere Tapes wie vor fast 20 Jahren. Irgendwie geht es eben immer weiter, bei dem Ansatz, speziell Black Metal gewinnorientiert oder überzogen wirtschaftlich zu betrachten, mache ich aber nicht mit und das wird auch so bleiben.
Viator:
Nebenbei bist du ja auch noch Teil des “Hartschnack”-Podcasts. Kannst du für diejenigen, die diesen noch nicht kennen sollten, einen kleinen Einblick geben, was so eure Themen sind?
Gerald:
Thematisch sind wir mit Hartschnack eigentlich recht breit aufgestellt, man findet bei uns, neben Interviews mit den Machern vor und hinter den Kulissen der Szene, also auch Festival- und Konzertberichte, Albumempfehlungen und manchmal auch einfach nur zwei Typen, die sich zu diesem oder jenem Thema die Taschen vollhauen. Und Micha, unser Mann im Hintergrund, sorgt dann anschließend dafür, dass das Ganze dann professionell produziert und halbwegs genießbar im Internet landet.
Viator:
Was sind deine weiteren Ziele mit Wolfsgrimm Records und ist noch etwas in der 2. Jahreshälfte geplant?
Gerald:
Ich habe mich vor einer Weile mit Kruxator von Warhorn Records auf eine Coop für die Vinylversion des Debüts von Ziegenhorn verständigt, die im Frühjahr 2023 erscheinen soll, und auch das letzte Album "Lycanthropic Burrowing" von One Master aus den Staaten möchte ich alsbald noch zu CD Ehren verhelfen, darüber hinaus halte ich mich aber noch bedeckt, da ja aktuell noch nicht mal sicher ist, ob man in 6 Monaten überhaupt noch zu bezahlbaren Konditionen produzieren lassen kann. Aber wie ich es weiter oben schon gesagt habe: Es geht immer irgendwie weiter!
Links zu Wolfsgrimm Records:
Homepage:   https://www.wolfsgrimm-records.de/
Facebook:   https://www.facebook.com/WolfsgrimmRecords
Instagram:  https://www.instagram.com/wolfsgrimmrecords/
Uprising- II aus dem Jahre 2020 via Wolfsgrimm Records
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Author: Viator
Autor bei Schwarze Flamme